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Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969

Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969

von: Rudolf Morsey

Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, 2007

Format: PDF, PDB, OL

geeignet für:

Mac OSX, Windows PC , Palm eReader Online-Lesen für: Linux, Mac OSX, Windows PC

Preis: 21,80 Euro

(Ersparnis gegenüber gedruckter Ausgabe: 3,00 Euro)

ISBN: 9783486583199
Download: 5017 KB
363 Seiten
5. Auflage

Mehr zum Inhalt

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Leseprobe zu: Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969

B. DIE GRÜNDERJAHRE DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND UND DIE ANFÄNGE DER ÄRA ADENAUER 1949-1955 (S. 24-25)

1. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

a) Die liberal-demokratische Grundentscheidung

„Im Anfang war Adenauer - so läßt sich der Beginn der Bundesrepublik kurz kennzeichnen" [778: A. Baring, Außenpolitik, 1]. Diese Formel klingt bestechend, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Bundesrepublik bis 1955 unter der Vormundschaft der drei Westmächte verblieb. So hat A. Baring auch Jahre später präzisiert: „Im Anfang waren die Amerikaner" [Unser neuer Größenwahn, Stuttgart 1991, 16].

Die innere Situation des neuen Staates war überaus labil, bestimmt durch Pauperisierung und Entwurzelung (Zustrom von 7,9 Millionen Heimatvertriebenen und 1,5 Millionen Flüchtlingen aus der SBZ/DDR), durch den hohen Zerstörungsgrad der Städte und Verkehrswege sowie katastrophale Wohnungsnot, durch beträchtliche Arbeitslosigkeit (im Februar 1950 ca. zwei Millionen) und den Fortgang der Demontagen, durch soziale Notstände für mehr als vier Millionen Kriegsopfer, Evakuierte, Spätheimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft (bis 1955: 1,6 Millionen) und 3,4 Millionen Kriegssachgeschädigte. Das Parteiensystem war durch eine Vielzahl von Regional- und Splittergruppen gekennzeichnet, begünstigt durch das bis 1953 geltende Wahlrecht (5%-Sperrklausel innerhalb eines Landes, sofern eine Partei dort kein Direktmandat erringen konnte).

Wie sich das Parteiensystem im Zeichen einer klaren Trennung zwischen Koalition und verfassungskonformer Opposition entwickeln würde, war ebensowenig abzusehen wie das künftige (Wahl-)Verhalten von Millionen früherer Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und der Heimatvertriebenen. Angesichts derartiger Belastungen begann die Geschichte der Bundesrepublik mit einer „Gründungskrise" [1138: H.G. Hockerts, Integration, 25]. Sie konnte allerdings innerhalb kurzer Zeit überwunden werden.

Dazu trugen außenpolitische Erfolge und sozialpolitische Maßnahmen im Zeichen eines wirtschaftlichen Wachstums bei, das sich rasch verstärkte. Die Soziale Marktwirtschaft erlebte nach einer vorübergehenden Phase der Stagnation im Gefolge des Korea-Krieges ab 1951/52 einen langanhaltenden Aufschwung („Wirtschaftswunder"). Dabei kam der Bundesrepublik zugute, daß sie von Hypotheken und strukturellen Konflikten der Weimarer Republik entlastet war (ostelbischer Großgrundbesitz, Machtstellung früherer Eliten, militärische Traditionsbestände, Hegemonie Preußens, Konfessionskonflikt, staatliche Zwangsschlichtung als Belastung in sozialen Verteilungskämpfen).

Andere Faktoren, die dem provisorischen Staat rasch zu politischer Akzeptanz verhalfen, waren die schon vor seiner Gründung eingeleitete geistige Orientierung zum europäisch-atlantischenWesten (verfassungspolitischeWestintegration) und dessenWerteordnung. Sie fand auch in dem im Oktober 1949 gegründeten Deutschen Gewerkschaftsbund eine Stütze. Die Politik des SED-Regimes in der Deutschen Demokratischen Republik - die imWesten weiterhin nur „Sowjetzone" oder „Ostzone" hieß und durch eine permanente „Abstimmung mit den Füßen" Einwohner an die Bundesrepublik verlor - wirkte der Verlockung sozialistischer Experimente entgegen und verschaffte einem verbreiteten Antikommunismus ständig neue Nahrung. In dem Maße, in dem der wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik immer weiteren Kreisen der Bevölkerung zugute kam, schrumpften die KPD sowie, wenig später, Interessen- und Splitterparteien (WAV, BHE) zur Bedeutungslosigkeit. Alle demokratischen Parteien suchten frühere NSDAP-Mitglieder für die neue Demokratie zu gewinnen.