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Leseprobe zu: Konfuzianismus erleben
Xiao – die Kindespietät (S. 31-32)
„Die kindliche Liebe ist die Grundlage aller Tugend ..." (Xiaojing, Der Klassiker der kindlichen Pietät, Kap. 1, Anfang)
Ob sie seit zwei Jahrzehnten in Silicon Valley wohnen oder seit dreißig Jahren ihr China-Restaurant in Argentinien führen – ein einziger Anruf von den Eltern daheim bringt sie zurück, mitten ins Herz ihrer Kindheit, in der sie lernten, dass Eltern nicht nur eine Macht, sondern eine Übermacht sind: Jeder Widerspruch ist zwecklos. Nichts hat die chinesische Kultur so tief durchdrungen wie das konfuzianische Konzept der kindlichen Pietät, dem absoluten Gehorsam gegenüber den Eltern. Dass diese Art des Gehorsams nicht mit liberalen Erziehungsmethoden einhergeht, ist einleuchtend. Sie ist allerdings auch nicht in so großem Maß bloßer Gewalt zu verdanken, wie man annehmen möchte. Sicherlich werden sozusagen alle chinesischen Kinder geschlagen. Doch viel wichtiger ist in der Erziehung zu Gehorsam eine Art von verbaler Dauerberieselung, die man auch „Gehirnwäsche" nennen könnte (ein Ausdruck der übrigens aus dem Chinesischen stammt: „xinao"), wenn nicht mehr oder weniger alle kulturellen Prägungen eine Art „Gehirnwäsche" des heranwachsenden Kindes wären. Jeden Tag von klein auf ununterbrochen gesagt zu bekommen, dass Kinder Papa und Mama gehorchen sollen, wobei diese oft in der dritten Person von sich selbst reden, zeigt irgendwann seine Wirkung.
Wer den Gehorsam gegenüber den Eltern als einzig mögliche Wirklichkeit erfahren hat, dem wird im Erwachsenenalter ein Anflug von Ungehorsam eher surreal erscheinen. Es bedarf auch im heutigen China und Taiwan eines starken Charak ters, um die zementierte Folgsamkeit nicht nur in zornigen Gedanken sondern auch in der Praxis zum Bröckeln zu bringen. Aber im Vergleich zu den Verhältnissen, die vor hundert Jahren herrschten, scheint Protest und Distanzierung doch einfacher geworden zu sein. Protest gegen den Willen der Eltern ist zwar immer noch sehr prekär, aber er häuft sich, wie an den Beispielen des Kapitels „Rebellion im Patriarchat" zu sehen sein wird. Ob der Konfuzianismus damit bereits seine „Halbwertszeit" erreicht hat oder ob es sich um den ganz normalen Wandlungsprozess einer sehr wandlungsfähigen Weltanschauung handelt, sei dahingestellt.









